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Eine Betrachtung über bessere
Zeiten
Festrede bei der Abschlußfeier der Studenten der
Wirtschaftswissenschaften der Universität-GH Paderborn am
14.6.1997
Bei allen Reden, die bei dieser Gelegenheit gehalten
wurden, wurde etwas mit Substanz gesagt. Aber auch fiel mir
auf: fast alle Redner philosophierten am Anfang darüber, was
sie sagen könnten, warum man sie die Rede hielten ließe, was
man von ihnen erwarte, und warum sie vielleicht etwas anderes
sagen werden. Ich hielt das für Koketterie und habe mir
vorgenommen: So machst du das nicht!
Doch Sie sehen, ich bin auf dem besten Weg gerade das zu
tun. Denn das Nachdenken über die Gelegenheit und darüber, was
von einem erwartet wird, gibt eine Menge an Einsichten und
Erkenntnissen, die sich auch dann lohnen würden, wenn keiner
die Rede je hören würde. Jede Rede in der man versucht etwas
zu sagen - es gibt auch andere - ist eine Rede an sich selbst.
Die erste Frage ist: Warum wollen die veranstaltenden
Studenten überhaupt die Rede eines Professors hören? Haben
Sie, liebe Studierende, denn noch nicht genug Reden von
Professoren gehört, genug in Ihren etwa 6 Jahren an dieser
Hochschule? Die Antwort mag offensichtlich sein: die Studenten
dieser Veranstaltung wollen keinen Professor hören, sondern
einen Mathematiker (eine Antwort die uns Mathematikern, in
unserem Glauben, immer etwas Fundamentales zu sagen, von
Berufs wegen kommt).
Den resultierenden Plan, Ihnen hier und heute einen
besonders schönen Beweis einer außerordentlich tiefliegenden
mathematischen Wahrheit zu zeigen, habe ich dann doch
verworfen. Zeigen Sie bitte keine Erleichterung, Sie könnten
mich kränken!
Also der nächste Versuch: Was hat ein Mathematiker als
Mathematiker zu sagen, was aber keine Mathematik ist. Da hilft
- wie häufig - der heilige Augustinus: Der gute Christ soll
sich hüten vor den Mathematikern und allen denen, die leere
Vorhersagen zu machen pflegen, schon gar dann, wenn diese
Vorhersagen zutreffen. Es besteht nämlich die Gefahr, daß die
Mathematiker mit dem Teufel im Bunde den Geist trüben und den
Menschen in die Bande der Hölle verstricken.
Diesen Satz zu analysieren lohnt sich!
Also was kann ich Nichtmathematisches im mathematischen
Geist vorhersagen was angehende oder fertige Ökonomen
interessiert. Das folgende Resultat hat nichts mit dem Inhalt
meiner Rede zu tun, vielleicht aber mit dem was ich mit dieser
beabsichtige. Es soll Ihnen daher nicht vorenthalten werden,
denn vielleicht ist es das einzige was der eine oder andere
von Wert findet mitzunehmen.
Ich habe etwa 2 Millionen Internetseiten mit geeignet
entworfener Software durchsuchen und analysieren lassen, und
aus allen darin enthaltenen Börsenprognosen ein Profil der
Entwicklung des Deutschen Aktien Index (DAX) zusammenstellen
lassen. Dieses sieht nach sprachlicher Glättung folgendermaßen
aus:
Die Entwicklung des DAX zeichnet sich in den nächsten 12
Monaten durch größere Volatilität aus. Obwohl die deutsche
Börse noch prozyklisches Potential aufweist, wird der 200
-Tage -Mittelwert häufiger nach unten durchbrochen werden, was
dann , zumindest vorübergehend und im Zusammenhang mit der
Bekanntgabe enttäuschender Bilanzdaten zu empfindlichen
Abschlägen führen kann. Die dadurch bedingt hergestellte
Kongruenz zwischen charttechnischen und fundamentalen Daten
verleiht den entstanden Widerstandslinien (eine bei ca. 3550
und einen weitere bei 3200 ) überdurchschnittliche Festigkeit,
die zu einem erneuten Engagement internationaler Anleger und
Pensionsfonds führen kann. Trotz Verunsicherung an der
Währungsfront und erneuten Zinsspekulationen wird der DAX sich
im allgemeinen oberhalb seiner rechnerischen Normalzone
bewegen und nur selten aus dieser nach unten ausbrechen.
Grundsätzliche Tendenz: eine Seitwärtsbewegung der deutschen
Börse.
Das ist doch was mit dem man was anfangen kann, oder etwa
nicht? Ich komme darauf zurück!
Aber zurück zur Frage, warum ich am Anfang dieser Rede über
die Rede rede. Nun, weil ich etwas sagen möchte was mir ernst
ist. Um Ihnen zu erläutern warum, ein Schlaglicht: Ich sagte
neulich zu meiner Frau, wäre ich doch 10 oder mindestens 5
Jahre jünger, ich würde meine Professur sofort an den Nagel
hängen. Sie, nachdenklich: die Studenten würden Dir fehlen.
Sie sagte nicht etwa das großartige wissenschaftliche Klima
einer der bedeutensten Universitäten des Hochstifts, oder die
netten Kollegen, nein die Studenten. Und damit hat sie den
Grund in den Fokus gerückt, warum ich versuchen werde - meiner
bekannten Natur entgegengesetzt - etwas Ernstes zu sagen. Die
Studenten haben mich zu dieser Rede verpflichetet! Mancher von
uns, der im Tagesgeschäft häufig über seine Studenten
räsonniert, nimmt Studenten ernst. Nicht etwa weil dies zu
seinem Job gehört, oder weil er ein so verantwortungsvoller
Mensch ist, oder weil er der gute Mensch des Fachbereich 17
ist, sondern weil er in Studenten Eigenschaften sieht oder
erhofft, die ihm abhanden gekommen sind (sowas nennt man
Dienstjahre) und weil er manchmal fürchtet, den Studenten
zuwenig zu geben. Nicht zuwenig Fachwissen, beileibe nicht,
sondern etwas über die Sterilität des Fachwissens hinaus.
Etwas was er selbst für wichtig hält. Das Dilemma der
Studienreform besteht darin, daß wir zu selten etwas
weitergeben, was wir selbst - ganz tief in uns drin - für
wichtig halten. Studenten fragen bei solchen Gelegenheiten
ihre Professoren um Redebeiträge - nicht etwa, weil sie das
für ein besonders Dekorum halten - mit einem Violinensolo
kommt denn nun wirklich keiner von uns mit! und an
Unterhaltungswert ist ein Zauberkünstler allemal besser!-
sondern weil sie hören wollen ob die denn nichts anders zu
sagen hätten, als das was sie 6 Jahre lang täglich vorgesetzt
bekamen.
Und wir reden bei solchen Gelegenheiten über das was wir
reden könnten aber dann doch nicht sagen, vielleicht weil wir
uns überfordert fühlen, weil wir unsicher sind, weil das, was
man von uns erwartet dann doch nicht kommt. Bestehen unsere
Hochschulen vielleicht aus Professoren, die im Inneren die
Notwendigkeit zur Entschuldigung sehen wegen dem was sie nicht
weitergeben, und aus Studenten, die den Eindruck haben, daß da
doch noch etwas mehr hätte sein sollen während ihres Studiums,
mehr als daß der Mathematiker ihnen Lineare Algebra beibringt
(die sie nach wenigen Jahren längst wieder vergessen haben),
mehr als daß der ... gestrichen um den Kollegen eines anderen
Fachbereichs nicht zu nahe zu treten. Ich glaube dies
Feststellung könnte ein Schlaglicht auf den Zustand unserer
Hochschulen werfen.
Hiermit wären wir beim zweiten Thema über das ich fast
gesprochen hätte, das Lieblingsthema von mir - in den
unbelauschten Reden zu mir selbst: die Studien- und
Universitätsreform, jene Unworte, die fast niemand von uns
mehr hören kann, weil sie mißbraucht werden von den
angeblichen Befürwortern ihrer Inhalte, weil sie als
Schutzschilde dienen, hinter der man seine Trägheit versteckt.
Die Gründe warum ich darüber nicht spreche sind einfach: ich
erschiene zu radikal, die Zeit reicht nicht, und - vor allem-
da hätte ich gerne ein anderes Publikum, etwa die Kollegen
meines Faches, überhaupt alle Kollegen aus Fächern wo mehr als
60 % der Anfänger kein Examen machen!
Also liebe Kommilitonen mir bleibt nichts übrig: außer dem
Eintrag ins Poesiealbum des festlich gekleideten Abgängers.
Wenn man etwas geben will mit einem solchen Eintrag, dann
muß man etwas preisgeben. Man fragt sich am besten, was hat
Dir etwas gegeben, was hat Dich geformt, versuche etwas davon
weiterzugeben. Also - notgedrungen - wieder zurück zur
Selbstbespiegelung.
Wenn ich rückblickend frage, was hat mich in der
gedanklichen (geistigen klingt so pompös) Entwicklung
begünstigt, so sind dies zwei Tatsachen.
1) daß ich Angehöriger meiner Generation bin, einer
Generation, die mit ihrem Bewußtsein, die Auflösung aller
vermeintlichen Werte erlebte, die sah, wie die vermeintlich
festgefügte Ordnung sich als hohles und leeres Gebäude erwies,
gewissermaßen die lost generation, die ohne verordnete
Wertvorstellungen aufwuchs. Manchem hat das nicht gut getan.
Die einen haben den ökonomische Götzen entdeckt, die anderen
haben die erfolglose, und den wichtigen Inhalten sehr bald
entglittene, Revolte geübt. Aber die, die etwas aus den
Bedingungen, in die sie hereingeboren wurden, machen konnten,
die sind davon geprägt.
Das zweite, aber das habe ich erst sehr viel später
erkannt:
2) daß ich niemals einen ordentlichen Studiengang
absolviert habe, daß es mir erspart wurde, Opfer der
verwalteten oder auch selbstverwalteten Bildung im heutigen
Sinne zu werden.
Mit dem zweiten Punkt, wären wir wieder beim
ausgeklammerten Thema Studienreform, ich werde diesen Punkt
nicht noch einmal streifen.
Lassen Sie mich auf den ersten Punkt, der nur methodischer
Anlaß ist, zurückkommen. Vielleicht ist mancher unter Ihnen,
der schon mal sagt, die heutige Jugend brauche wieder Werte,
einfach so dahin, oder auch ernst gemeint. Die Dankbarkeit,
die ich als Angehöriger dieser Generation empfinde, liegt
gerade darin, daß wir den gedankenlos übernommenen Werten
Skepsis entgegensetzen, daß wir erkannt haben, daß wirkliche
Werte etwas sind, was dem eigenen Zweifel gegenüber sich
durchsetzen muß, daß ein Wert nicht jenen blutleeren Anschein
der Sonntagsbesinnung haben muß, sondern Vitalität und Kraft
besitzen soll.
Keine Angst ich werde nicht über Werte sprechen, oder gar
Werte in der heutigen Gesellschaft. Das wäre mir zu
persönlich, ich käme mir da etwas exhibitionistisch vor. Ich
kann auch die Leute nicht verstehen, die darauf bedacht sind,
ihre Werte anderen nahezubringen oder gar aufzuzwingen,
deshalb hätte ich wohl nie der Versuchung erliegen können
Politiker zu sein. Es geht mir um etwas anderes, nämlich
darum, die Skepsis als Methode zu propagieren, den Zweifel
vorzuschlagen und salonfähig zu machen, oder doch zu seiner
gelegentlichen Anwendung aufzurufen.
Kurz gesagt: es geht mir darum darzulegen, daß Zweifel
heute mehr denn je angebracht ist. Das einzige was ich an den
jungen Menschen von heute zu bemängeln habe, daß sie zu wenig
zweifeln, was kein geringer Vorwurf ist, denn Zweifel könnte
man mit Nachdenklichkeit geleichsetzen. Für mich hat Zweifel
nichts mit Verzweiflung zu tun, sondern für mich ist es die
Vorstufe zur Hoffnung.
Ich möchte also den Zweifel in Ihnen säen.
Der wirkliche Inhalt meiner Rede soll sein: ein Katalog von
akzeptierten Meinungen an denen Sie zweifeln sollten oder an
denen ich zumindest zweifle. Am besten Zweifel da, wo man ihn
von mir nicht erwartet (denn Zweifel an den Dingen, die die
eigene Tätigkeit touchieren, erwirbt man nicht mit der
Habilitation).
Hier also mein Katalog gängiger Meinungen, die alle mit
einer der beherrschenden Illusionen unser Zeit zu tun haben:
• Wir stehen an der Schwelle eines neuen Zeitalters, des
Informations- und Kommunikationszeitalters. Neue Medien werden
neuen Inhalten zum Durchbruch verhelfen. Wir haben morgen den
mühelosen Zugriff auf das Wissen der Welt.
• Jeder von Ihnen muß im Leben dreimal auf einen neuen
Beruf umsteigen und braucht deshalb beständige Weiterbildung
(lebenslanges Lernen), Weiterbildung etwa in der Form wie Sie
bei uns zu haben ist.
• Wegen der immer größeren Komplexität der uns umgebenden
Welt, brauchen wir immer mehr die Ausbildung
hochspezialisierter Experten. Die Komplexität unserer Welt
läßt sich nur bei immer genauerer Kenntnis der sie
beschreibenden Daten begreifen.
• Multimedia wird alles beherrschen und neue
Lebensqualitäten (Lebensqualitätern habe ich mich zuerst
verschrieben) schaffen. Wer da zurückbleibt, der kann in einer
globalisierten Welt nicht bestehen. Hoch entwickelte
Gesellschaften werden deshalb immer mehr zur
Dienstleistungsgesellschaft.
Alles das baut auf der Erkenntnis:
• Wir leben im Wissenschaftszeitalter, Wissenschaft ist
alles beherrschender Faktor unserer Zeit. Wissenschaft und
Technik entwickeln sich zu immer neuerer Vollendung. Wer da
nicht mithalten kann, der geht unter. Der Untergang der
Sowjetunion belegt dies, er ist zurückzuführen auf den
nichteinholbaren technischen Rückstand dieser Gesellschaft,
die ihre Kräfte zur notwendigen Fortentwicklung nicht
freisetzten konnte.
• Die Erkenntnisse der Theoriewissenschaften von heute sind
die Grundlagen des notwendigen Fortschritts von morgen (etwas
was besonders gerne von denen gesagt wird, die nicht so genau
wissen, wo das was sie erforschen für einen anderen von Wert
sein könnte, und die nicht selbstbewußt genug sind die
gedanklich- ästetische Kategorie ihrer Forschung als
ausreichende Rechtfertigung dafür zu akzeptieren).
Ich glaube nichts aber auch gar nichts von alledem - obwohl
vieles davon auch raison d'etre unserer Hochschule sein mag.
Zugegeben, da ich denn Zweifel als Methode propagiere, mag ich
so fest auch gar nicht glauben was ich nicht glaube, aber ich
bin mir doch ziemlich sicher.
Um nicht mißverstanden zu werden: ich behaupte damit nicht,
daß die Vorhersagen, die auf der Basis dieser fragwürdigen
Feststellungen getroffen werden nicht eintreffen, sie werden
weitgehend eintreffen - aber das ist was ganz, ganz anderes
(hier hat der Hl Augustinus mit seinem vermeintlichen
Widerspruch recht).
Alle diese Thesen werden einerseits vollmundig verkündet
und führen andererseits zu irrationalen Ängsten und manchmal
zu komischer Hilflosigkeit. Einige Belege:
• der Projektleiter von Deep Blue sagt zum Sieg über
Kasparaov in Time Magazine: Künftig werde man diesen Tag als
den Beginn des Informationszeitalters ansehen.
• Wohingegen die Neue Westfälische (9.5.97) zum selben
Ereignis die Balkenüberschrift Die Zukunft der Menschheit
steht auf dem Spiel , wählt - und diese beunruhigende
Erkenntnis im Sportteil verkündet.
Wenn Sie die Relevanz beider Äußerungen einordnen wollen,
so stellen Sie sich bitte vor, IBM baue morgen eine Maschine,
die etwa 3 Meter hoch springe - wer wolle da auch nur das Ende
der olympischen Hochsprungdisziplin sehen, vom Ende
menschlichen Bewegungsdranges ganz abgesehen.
Und zu welcher Komik, die Ängste im Umgang mit diesen
Dingen führt, sehen sie etwa, wenn zum Beispiel die Neue
Westfälische am 12.5.97 anläßlich des Diozösan
Jungschützentags in Benhausen den Diozösanbundesmeister die
Erkenntnis verbreiten läßt: Der Diozosan-Schützentag beweise,
daß Freundschaftspflege und fairer Wettkampf einen höheren
Stellenwert hätten, als durch das Internet zu rasen. Eine
Erkenntnis, die in der Berichterstattung sogar noch vor dem
Grußwort des Herrn Erzbischof rangiert. Wahrlich gut erkannt!
Man stelle sich vor, wir sollten die Zukunft ohne diese
Standortbestimmung meistern.
Etwas weniger poetisch orakelt man in Time Magazine:
Computers may be dumb, but they are not too dumb to take your
job. Usw, usw, wer bezweifelt nach diesen epochalen Beiträgen
denn noch, daß wir dem beherrschenden Zukunftsthema auf der
Spur seien!
Lassen Sie mich die Gegenposition aufstellen, lassen Sie
mich einmal rigoros alles anzweifeln:
• das Wissen der Welt, insbesondere das Verständnis des
Wissens dieser Welt wird nicht durch neue Medien erschlossen,
sondern durch Nachdenken und kreative Auseinandersetzung
damit. Der Umgang des Menschen mit Wissen ist kein Problem der
Verfügbarkeit sonden ein intellektuelles Problem. Mag sein:
Wissen ist Macht aber zu viel gesammeltes und abgespeichertes
Wissen mag dem intellektuellen Niveau eines Eichhörnchens
entsprechen, wird aber nicht der gedanklichen Durchdringung
unserer Welt förderlich sein. Was hat denn ein Gourmet davon,
wenn man ihn in eine Lagerhalle führt in der sämtliche Zutaten
zu den kulinarischen Genüssen dieser Welt tonnenweise
herumstehen - er sich zudem beim Herumstöbern durch einen Wust
verschimmelter und vergammelter Speisen quälen muß.
Denken Sie daran, daß die meisten mit dem unverdauten
Wissen eines 20-bändigen Konversationslexikons bei weitem
überfordert sind, und denen soll nun geholfen werden dem
Wissen der Welt? Kurzlebige und vom Verfall bedrohte Ware
werden Sie bekommen!
Der auf diese Verbreiterung der Wissensbasis aufbauenden
und mit leuchtenden Farben am Horizont angkündigten
Dienstleistungsgesellschaft möchte ich weder meine ökonomische
noch meine intellektuelle Zukunft anvertrauen.
Bei dem Begriff Dienstleistungsgesellschaft handelt es sich
vielleicht nur um Nebelkerzen derjenigen, die uns die Wahrheit
vorenthalten wollen, daß wir träge, satt und unkraetiv
geworden sind, daß wir Wissen lieber verwalten als uns damit
herumquälen: Derjenigen die ängstlich geworden sind und
verbraucht, und deshalb der Maschine mehr zutrauen als uns
selbst.
• Sind wir einmal pessimistisch, so stellen wir fest, daß
wir es nicht mit dem neuen aufblühen Zeitalter der
Wissenschaft zu tun haben, sondern trotz aller spektakulärer
Entwicklungen die noch kommen werden, vielleicht nur mit der
welkenden Herbstschönheit des menschlichen Geistes, vielleicht
nur mit einem Zustand wo die Zerstörung der Grundsubstanz
schon begonnen hat, wo die Unverbindlichkeit gedanklicher
Konstruktionen, in die wir uns flüchten, sich wiederspiegelt
in Datenwust und in der Aufzehrung der Sprachsubstanz.
Hier protestieren Sie hoffentlich etwas! Ich werde deshalb
argumentativ nachlegen müssen.
• Und daß wir eine immer größere Spezialiserung in der
Ausbildung brauchen, das mag vielleicht nur die These der
buchhalterischen Verwalter von Erziehung und Wissen sein,
derjenigen, die die Inventarlisten der Wissenschaften mit den
Inhalten hinter diesen Inventarlisten verwechseln.
Wenn Sie mir hier - zu recht - nicht ohne Widerstand
folgen, so machen Sie folgendes Gedankenexperiment nachdem Sie
etwa zwei Jahre erfolgreiche Praxis hinter sich haben: Nehmen
Sie sich Ihren erfolgreichen Chef, schauen Sie sich an was der
so tut. Dann stellen Sie sich vor, Sie trainieren einen sehr
intelligenten Menschen indem Sie ihm das richtige Vokabular
beibringen, ihn für etwa drei Monate einer intensiven
Zwangslektüre von Spiegel, Zeit, Fokus und Wirschaftswoche
aussetzen, ihn in zwei bis drei Managmentkurse schicken, und,
wenn Sie ihm was besonders Gutes tun wollen, ihm noch die
Aufzeichnungen der Fernsehserien unseres geschätzen Rektors
zeigen. Wenn Sie dann bei der Frage, ob der intelligente
Absolvent dieser, zeitlich gesehen, Schmalspurausbildung Ihren
Vorgesetzten ersetzen könne, zu einer positiven Antwort
kommen, dann wissen Sie was wir an immer spezialisierterer
Ausbildung brauchen. Ich habe dieses Beispiel beileibe nicht
gewählt um den Wirtschaftswissenschaftlern was am Zeuge zu
flicken, bei manchem anderen Fach könnte man gar auf manche
der anspruchvollen Voraussetzungen verzichten. Ernsthaft: Ich
meine wir sollten nach einem anderen Modell ausbilden (dem
T-Modell). Bei dem was wir alles in die Kurrikula
hineinstopfen bedenken wir zuwenig: Die Wissenschaft gibt dem,
welcher in ihr arbeitet und sucht viel Vergnügen. Dem, welcher
ihre Ergebnisse lernt, sehr wenig. (Nietzsche Menschliches
Allzumenschliches p. 235)
• Und mit dem Untergang der Sowjetunion, wegen ihres
technischen Rückstandes hat das alles gar nichts zu tun, denn
andernfalls müßten ja Nordkorea und Cuba einsame Inseln des
technisch zivilisatorischen Fortschritts sein. Lassen Sie sich
einmal als Experiment auf das Gedankenspiel ein, der Untergang
der Sowjetunion sei einfach nur der Beginn des Untergangs der
industriellen Zivilisation gewesen, dann werden sie bald
verschreckt feststellen können, daß Ihnen Tag für Tag ein
Übermaß an Belegen für diese These geliefert wird.
Wenn Sie mich nun fragen, warum die auf solch falschen
Voraussetzungen fußenden Vohersagen auch noch eintreffen
können, so habe ich ein nahezu selbstkritisches Beispiel
parat: Nehmen Sie meine DAX-Prognose vom Anfang. Natürlich
habe ich nicht zwei Millionen Internetseiten durchsucht. Im
Gegenteil, ich hoffe inständig, daß der hier anwesende Rektor,
dann wenn ich anfange solch sinnloser Beschäftigung
nachzugehen, recht energisch auf meiner Dienstenthebung
besteht (und mir gleichzeitig das Vergnügen bereitet, alle die
ähnliches tun, ebenfalls der Entlassung zuzuführen!). Bei
dieser Prognose habe ich mich einfach bemüht:
• den Jargon zu treffen
• nur etwas vorherzusagen, was nahezu selbstevident ist
• wenn ich etwas vorhersage, was nicht ganz selbstevident
ist, nur nach dem Prinzip zu verfahren, morgen kommts wie's
heute ist
• Begriffe einzubauen, die ihre eigenen Vorhersagen
beinhalten
• usw.
Nehmen sie den 200-Tage Mittelwert: natürlich durchbricht
jede Börse, die weder Bearish noch Bullisch ist, bei den
leichtesten Fluktuationen ihren 200-Tage Mittelwert, das ist
ein mathematisches Gesetz! Und das mit den Widerstandslinien,
nun das folgt ganz einfach daraus, daß fast jede Empfehlung
stop-loss-Marken bei 10% unter dem bisherigen Höchststand
empfiehlt sowie Rückkauf bei weiteren 10% Kursverlust, und
wenn die als stabil angenommene Widerstandslinie eben
durchbrochen wird, dafür ist sie eben da. Hier enthalten die
Begriffe zum Teil einfach ihre Vorhersage, insbesondere dann
wenn jeder an ihren Sinngehalt glaubt. Das ganze ist
inhaltsleer und doch wohl richtig, eine bessere Prognose
bekommen Sie nirgends.
Um Ihnen zu erläutern auf welche Weise wir heute
sprachliche Leerformeln erzeugen, eine wahre Geschichte: Vor
etwa 8 Jahren hat INRIA in Paris ein kleines Programm
entwickelt, bei dem Sie eine Zahl eingaben und dann
genausoviel Sätze von High-Tech Nonsense herausbekamen, also
Text, der einerseits syntaktisch richtig war, andererseits
alle Begriffe enthielt, die zum gängigen High-Tech Vokabular
gehörten, und diese in sprachlich anspruchsvoller Weise
aneinander hängte. Ich habe dann, in einem anderen Kreis, nach
einer Diskussion um technische Fragen, einen so erzeugten Text
herumgesandt, und um entsprechende gedankliche Erwägung
gebeten. Erstaunlich wie viele doch bereit waren, dieser
speziellen Erwägungskultur beizutreten. Heute würde man das,
im Hochschulbereich, auf Multimedia und Studienreform
ausrichten, das klänge dann ungefähr so:
Die Internationalisierung von Studiengängen, die
Effektivierung und qualitative Verbesserung des Studiums, die
Schaffung flexiblerer Bildungsstrukturen, die Notwendigkeit
neue Qualifikationsprofile zu entwickeln, und schließlich das
mit dem Stichwort lebenslanges Lernen betonte Erfordernis zur
kontinuierlichen Weiterqualifikation auch in bestehenden
Berufsfeldern, stellen Bildungseinrichtungen, und insbesondere
die Hochschulen vor neue Herausforderungen. In dieser
Situation begreifen wir Multimedia als den entscheidenden
Faktor den erforderlichen Strukturwandel erfolgreich
umzusetzen.
Da ich das Inria-Programm nicht mehr besitze, habe ich aus
dem Vorschlag zur Multimediaperspektive einer ungenannten
Hochschule abgeschrieben: es gibt Ihnen den ungefähren
Eindruck von, durch Umsetzung eines gängigen Vokabulars,
automatisch erzeugtem Nonsense. Das Schlimme ist nicht, daß
irgendjemand so etwas schreibt, das Schlimme ist, daß wir alle
so schreiben. Sprache und Erkenntnis diffundiert ins
Unverbindliche - der Gedanke ist nicht mehr auffindbar.
Wenn wir wissen wollen, ob es wirklich richtig ist, ob das
Wissenschaftszeitalter in eine neue Qualität umschlägt indem
es uns in das Kommunikationszeitalter hinüberführt, so sollten
wir uns kurz, und holzschnittsartig strukturiert, diesem
Begriff Wissenschaft zuwenden, denn er ist wichtig: Vernunft
und Wissenschaft sind des Menschen allerhöchste Kraft (hier
haben wir Goethes Autorität auf unserer Seite).
Wann Wissenschaft begann ist leicht zu fixieren, was sie
ist, schon schwerer. Wissenschaft in unserem heutigen Sinn
begann meiner Meinung nach mit einem Paukenschlag, der
Sonnenfinsternis am 28. Mai 585 v. Chr., als während einer
Schlacht zwischen den Lydern und Medern der Himmel sich
verfinsterte, genau wie Thales von Milet dieses vorhergesagt
hatte, vorhergesagt aufgrund vernünftiger Überlegungen, nicht
durch Befragung eines Orakels! Die Schlacht wurde
unentschieden abgebrochen (damals nutzte man eben die
Wissenschaft noch nicht im Dienst der Kriegsführung - sonst
hätten die Lyder gewonnen, deren König, der Vater des Krösus,
vom Thales beraten wurde). Bevor wir klären was Wissenschaft
ist, sollten wir die Geschichte ein wenig fortsetzen:
Innerhalb von weniger als 300 Jahren entwickelte Wissenschaft
sich zu einer vorher und nachher nur selten erreichten Blüte
(Euklid 300 v. Chr., Plato gestorben etwa 348 vor Chr.). Wenn
Sie das mit der unerreichten Blüte nicht recht glauben wollen,
so bedenken Sie bitte, daß noch im ersten Drittel dieses
Jahrhunderts ein damals geschriebenes Buch, die Elemente des
Euklid, unverändert und unredigiert als verbindliches Buch zur
Ausbildung in einem High-Tech-Fach europäischer Gymnasien
benutzt wurde. Wissenschaft verkam dann nach einer Periode der
Dekadenz, so daß der Hl. Augustinus jedwede wissenschaftliche
Vorhersage als Teufelswerk ansehen mußte. Und auch die spätere
Rezeption des Aristoteles in der Scholastik konnte aus
wissenschaftlich dunklen Zeiten nicht herausführen. Die
sogenannte moderne Europäische Wissenschaft holte diese
Entwicklung erst wieder ein im Jahre 1651 (ein Datum dessen
Relevanz ich hier aus Zeitgründen nicht belegen möchte).
Was könnten wir daraus schließen?
• Wissenschaft entwickelt sich nicht immer stetig, nach
ungeheuer dynamischen Phasen kommen lange Phasen der
Stagnation und dann des entschiedenen Rückschrittes.
• Die heutige hektische Entwicklung von Wissenschaft ist
kein Einzelfall in der Kulturgeschichte der Menschheit. In der
Periode 600-300 v. Chr. war die Entwicklung rasanter.
• Wenn Wissenschaft abhebt, also in ihrem theoretischen
Teil den technischen und ökonomischen Notwendigkeiten weit
voraus ist, und zudem den klaren Gedanken zum Opfer des
sprachlichen Nebels macht, dann ist es gar nicht so
unwahrscheinlich, daß eine lange quälende Periode des Verfalls
bevorsteht. Die Gegenkräfte, die anderes wollen, die die
vermeintliche zivilisatorische Dekadenz - also gewissermaßen
die westlichen Werte - ablehnen, formieren sich.
Alles das sollte uns beunruhigen! Zumindest sollte es
unseren naiven Fortschrittsglauben etwas dämpfen. Insbesondere
dann, wenn des einen oder andern Phantasie ausreicht am
Horizont Systemkritik mit einer solch fundamentalen Vitalität
und Gewalt auszumachen, daß dagegen die immanente Systemkritik
der Industrieländer sich als Einübung von Sanftmut ausimmt.
Das alles kann uns beunruhigen, muß es aber nicht. Ich
bitte Sie sogar mir nicht zuzustimmen, denn Positive Kritik
läßt einen zu früh sterben sagt Friedensreich Hundertwasser.
Überzeugender mag es da schon aussehen, wenn wir versuchen
zu beantworten was Wissenschaft eigentlich ist. Ich habe
vergeblich versucht ein griffiges Bild dafür zu finden, bis
ich in Frl. Smillas Gespür für Schnee (Peter Hoeg, Seite 67)
ansatzweise eine Antwort fand: Jede theoretische Erklärung ist
eine Reduzierung der Intuition. Wenn man das weiterspinnt, ist
die Intuition eine Reduzierung der Wirklichkeit. Die Theorie -
und das ist nun einmal die Essenz der Wissenschaft - besteht
also daraus, daß wir reduzieren, daß wir uns gewissermaßen
einfache Bilder machen in die wir die Phänomene der
Wirklichkeit einordnen.
Wissenschaft besteht eben darin, daß wir die Wirklichkeit
in ihrer unerhörten Komplexität nicht versuchen zu beschreiben
oder zu verstehen, das werden wir sowieso nie (da liege ich
zusammen mit Frl Smilla zwar verquer mit den Philosophen, von
den Eleaten bis zu Kant, welche das Bild, die Anschauung als
das Reale ansahen). Theorie besteht eben in der Vereinfachung,
im Holzschnittartigen, dies ist was wir Erklärung und
Verständnis nennen. Und folgerichtig lesen wir im
Konservationslexikon, daß Thales versuchte das Seiende auf ein
möglichst einfaches Prinzip zurückzuführen, wir haben ihn also
wohl zu recht als den Urvater der europäischen Wissenschaft
angesehen.
Wichtig scheint mir die Tatsache, daß es auf die
Richtigkeit des Bildes, das wir uns machen, gar nicht so sehr
ankommt, sondern daß nur das eine Bild die Phänomene
vielleicht besser beschreibt als das andere, das aber wegen
unseres prinzipiellen Unvermögens die ganze Wahrheit
herauszufinden, jedes Bild eben nur ein dem Grunde nach
falsches sein kann. Das ganze kann man sich etwa wie einen
großen Raum vorstellen, in welchem eine Unzahl von
Gegenständen verschiedenster Klassen herum liegen, und in dem
wir Ordnung schaffen wollen indem wir die Dinge in einen
Schrank einräumen, es kommt dann gar nicht so sehr darauf an,
daß der Schrank die Klassen von Gegenständen adäquat
widerspiegelt, Ordnung entsteht in jedem Falle.
Vielleicht zwei Beispiele um Sie zu überzeugen: Der Thales
hatte sicher ein falsches Bild vom Universum, als er die
Sonnenfinsternis vorhersagte, denn das kopernikanische
Weltbild wurde erst von den Pythagoräern etwa 150 Jahre später
entdeckt. Und ein zweites Beispiel: lange nachdem das
Kopernikanische Weltbild in unserer Zeit wiederentdeckt und
akzeptiert war, benutzte man zur Seefahrt noch die Daten,
welche man auf Grund des ptolemäischen Weltbildes berechnet
hatte, die waren genauer.
Also nicht das Bild ist entscheidend, sondern wie gründlich
man die Dinge darin einordnet. Natürlich war Newtons Bild von
der Gravitation nach unsern heutigen Vorstellungen falsch. Es
gibt die Fernkräfte nicht, mit der die Sonne auf die Erde
wirkt, die Sonne verbiegt nur die Geometrie, da wo sie sich
befindet. Aber auch dieses Bild (von Einstein) wird falsch
sein, wenn man darauf kommt, daß der Punkt unserer Realität
sich besser als Projektion eines höherdimensionalen Schlauchs
beschreiben läßt. Zu dieser Vorstellung Erklärung=Bild paßt
auch Mose 2. 20: Du sollst dir kein Bild noch irgendein
Gleichnis machen, weder von dem was oben im Himmel ist- da
verlangt der Gott der Offenbarung, daß er nicht erklärt werden
möchte, eine höchst einsichtige Forderung angesichts des
Unglücks, welches solche Erklärungsversuche schon über die
Menschen gebracht haben (mit dem anschließenden noch von dem
was unten auf Erden, noch von dem was im Wasser unter der Erde
ist, habe ich allerdings meine Schwierigkeit, dies
widerspricht nach meinem Verständnis Mose 1.1 (machet euch die
Erde untertan).
Wir sollten an dieser einfachen Definition messen, was
Wissenschaft heute ist und wie sie sich verändert. Zur
Illustration wieder etwas aus meinen Erfahrungen: ich sitze in
einer Reihe von Komitees und Ausschüssen, wo über
Forschungsförderung entschieden wird. Neulich hatte ein
solches Komitee mit einem Antrag zu tun, da sollte eine
eigentlich recht plausible Annahme über die griechische
Gesellschaft in einem Projekt erforscht werden. Das
"Originelle" daran war, daß der Antragsteller alle
griechischen Texte aus 1600 Jahren auf einer einzigen CD zur
Verfügung hatte und systematisch zur Verifikation seiner These
durchsuchen wollte. Das vorbildliche Projekt, welches ja die
state of the art widerspiegelte, wurde genehmigt.
Was kann man mit dieser Geschichte anfangen?
• Zuerst einmal sollte man staunen, daß die ganze reiche
griechische Literatur auf eine CD paßt, alles von Homer, über
Sophokles zum Plato, vom Herodot und Xenophon über den Proklus
zum Theon (und die seiner Tochter Hypathia würden auch noch
draufpassen wenn wir sie denn hätten). Die Literatur einer
ganzen Hochkultur, die ihresgleichen sucht, auf einer CD. Und
nun sage ich Ihnen, meine eigenen persönlichen Daten, also
nicht die gekauften Programme oder dergleichen, brauchen 3
CDs. Ich hätte vielleicht gern daß man bei kulturellen
Leistungen angesichts dieser Tatsache der Quantität eine
gewichtigere Rolle einräumt, aber bei aller Wertschätzung
meiner eigenen Person, drei griechische Kulturen bin ich nun
einmal nicht wert. Was muß sich da für ein Schrott darunter
befinden - und dies obwohl ich eine Abneigung gegen Schrott
habe, ihn als unästhetisch empfinde.
Und was befindet sich nun auf all den Datennetzen,
vemutlich weiterer Schrott, vielleicht nur zu 98 Prozent, aber
das reicht ja, und darin sollen wir in aller Zukunft zur
Vollendung unserer Kultur herumwühlen! Das Herumwühlen darin,
die Illusion, daß diesem Wust Relevanz zukomme, wird sicher
nicht zur Bildung einfacher Bilder zur Erklärung unserer Welt
beitragen. Wir sehen es jetzt schon, Theorien braucht man
nicht mehr, Fuzzy und neuronale Netze, die nur Daten gemäß
fragwürdiger Erfahrung auswerten, ersetzen das was nach Goethe
des Menschen höchster Wert ist. Die Theorie wird durch den
elektronsichen Pawlowschen Hund ersetzt.
Doch der Datenwust wird so gigantisch ansteigen, daß
niemand mehr, kein Mensch kein Computer sich darin
zurechtfindet.
Das also ist der Bereich in dem nach Meinung unseres
Forschunsgminsters in unserem Land alleine zwei Millionen
Arbeitsplätze entstehen werden. Nicht daß ich an der Zahl
zweifele, ich wundere mich eigentlich, daß man mit zwei
Millionen auskommt um all diesen Schrott zu sichten, zu
verarbeiten, in neuen Schrott zu verwandeln. Denn wie
entstehen selbst die wertvolleren Daten, die Daten der
belesenen Autoren? Nun obiges Projekt gibt uns eine Idee:
Daten werden durchsucht, kompiliert, zu neuen Daten
zusammengschrieben, die dann wieder als Corpus für eine
zukünftige kritische Auswertung anderer dienen. Dies schafft
ein Perpetuum Mobile des Abschreibens - sicherlich nicht die
kreativste Tätigkeit des Menschen. Zudem wird da die Schrift,
die treue Aufbewahrerin unserer Gedanken (Schopenhauer
Pararega 4. p. 98) zur vergänglichen und verderblichen Ware,
die ins Nirwana des unkontrollierten Datenwusts entschwindet.
Liebe Kommilitonen, ich will Sie nicht zur
Systemverweigerung aufrufen, zur Maschinenstürmerei. Im
Gegenteil! Ich wollte Ihnen nur zeigen, wie man die Dinge auch
anders sehen kann.
Wir können nichts aufhalten, aber manches sanft
beeinflussen und so den einzuschlagenden Weg leicht verändern.
Arbeiten Sie an dieser Welt der faszinierenden Änderungen mit,
lenken Sie mit in die richtige Richtung. Die Änderungen, die
Entwicklungen, die Technik, das alles ist weder gut noch böse.
Technik kann Kultur nicht zerststören, das können nur wir mit
unserer unreflektierten Rezeption derselben. Trotz aller
Skepsis, was da wohl kommen mag, trotz aller Ablehnung der
Exzesse der Oberflächlichkeit, zu der neue Techniken uns
verführen mögen, ich finde diese Welt der Änderungen
faszinierend und großartig. Und selbst noch die gigantischen
Exzesse der Oberflächlichkeit, die uns die unkritischen
Apologeten neuer Technik täglich vorführen, haben etwas
Faszinierendes.
Als Fazit beim Nachdenken über das was ich Ihnen hätte
sagen können und wahrscheinlich doch nicht gesagt habe: es
gibt so vieles über das sich nachzudenken lohnt, Nachdenken
nicht unbedingt von denen, die dazu bestellt sind, in deren
Fach es fällt, sondern von uns allen und gemeinsam, es gibt so
vieles was - wenn wir die Scheuklappen unserer Fachkunde
fallen ließen - so viel mehr wert wäre an unsere Studenten
weitergegeben zu werden, als das worüber wir uns beim
Einbringen in unsere Studienpläne streiten. Nachdenken lohnt
sich, noch viel mehr: es macht Spaß, und viel besser: es ist
nicht examensreleavant. Nachdenken und Hinterfragen sollten
Studienfach werden, aber dann wäre das auch bald Klausurfach
und der Spaß wäre vorbei.
Und deshalb hoffe ich irgendwann einmal doch noch über
Studienreform sprechen zu können.
Wir entlassen Sie mit vielem was die Fächersystematik für
wichtig erachtet, was aber vielleicht unter den Anforderungen,
die an einen wirklichen Menschen gestellt werden, nicht immer
an erster Stelle stehen würde. Ich habe in einer früheren Rede
zu dieser Gelegenheit, die mir gefiel, gelesen: Sie sind zu
Führung und Verantwortung ausgebildet. Ich habe Zweifel, ich
fürchte zu Führung und Verantwortung müssen Sie sich selbst
ausbilden. Wir als Hochschule wären glücklich, vielleicht ein
klein wenig dazu beigetragen zu haben.
Ob wir, als Institution, dies überhaupt können, das mag dem
Zweifel anheimgestellt werden.
Trotzdem: Führung und Verantwortung, warum eigentlich
nicht? Ich hoffe Sie werden Führung verantwortlich ausüben.
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